– und wie ihr wieder ins Gespräch kommt
Neulich saßen „Julia“ und „Tobias“ bei mir. Beide beruflich voll auf Anschlag, zwei Kids, Haus, Hund, Termine – Du kennst das.
Julia sagte diesen Satz, den ich so oft höre: „Mein Mann redet einfach nicht. Ich komme nicht mehr an ihn ran.“

Und Tobias? Kein Bösewicht. Kein Eisklotz. Ein guter Mann. Nur: Sobald es emotional wird, wirkt er wie jemand, der plötzlich in einer Fremdsprache antworten soll – und die Vokabeln fehlen.
Und genau in diesem Moment entsteht bei vielen Frauen dieser harte Eindruck: Mein Mann redet nicht – zumindest nicht über das, was für Nähe wirklich zählt.
Bevor wir jetzt auf die schnelle Schuldverteilung aufspringen, lass uns einmal etwas genauer hinschauen.
Der Mythos mit den 20.000 Wörtern – und warum er so hartnäckig ist
Vielleicht kennst du diese Behauptung: Frauen sprechen 20.000 Wörter am Tag, Männer 5.000 oder 7.000. Klingt witzig. Ist aber als „Fakt“ ziemlich wackelig. Der Mythos wurde u. a. durch populäre Bücher verbreitet und hat sich kulturell festgebissen.
Spannend ist: Es gibt tatsächlich Forschung dazu. Der Psychologe Matthias Mehl und sein Team von der University of Arizona, haben in einer Studie mit knapp 400 Teilnehmenden Alltagsgespräche über mehrere Tage stichprobenartig aufgezeichnet. Ergebnis: Frauen und Männer sprechen im Schnitt beide ungefähr 16.000 Wörter pro Tag – die Unterschiede sind statistisch nicht wirklich der Punkt.
Und trotzdem bleibt Julias Gefühl wahr: „Er redet nicht.“
Denn das Problem ist nicht die Menge an Worten – es ist die Richtung: Der Mann redet nicht, sobald es um Gefühle, Beziehung und innere Wahrheit geht.
Warum es sich trotzdem so anfühlt, als würde der Mann nicht reden
Weil es nicht um Alltagswörter geht.
Nicht um „Bringst du die Kinder?“ oder „Was essen wir?“ oder „Ich bin gleich da“.
Es geht um diese Art Gespräch, bei der man sich als Mensch zeigt, und wo Themen angesprochen werden wollen, wie :
Unsicherheit.
Überforderung.
Bedürfnis nach Nähe.
Kränkung.
Angst, nicht zu genügen.
Und genau da passiert oft Folgendes: Er wird still – und sie wird lauter. Nicht, weil sie nerven will. Sondern weil sie Nähe will und weil Sie will das er Sie wahrnimmt. Er wiederum hört Druck – und sein System macht zu.
Das ist wie beim Sport: Ihr habt beide Ausdauer im Job. Nur in der Beziehung fehlt manchmal die Kondition, genau dann ruhig zu bleiben, wenn es innerlich zieht.
Was viele Jungs früh lernen: „Ein Mann regelt. Ein Mann fühlt nicht.“
Ich habe in meiner Arbeit immer wieder gesehen: Viele Männer wurden nicht dafür gelobt, dass sie Gefühle in Worte fassen. Sie wurden gelobt fürs Funktionieren. Für Lösungen. Für „Stell dich nicht so an“.
Dazu kommt: Wer als Junge kaum ein männliches Vorbild erlebt hat, das emotional sauber sprechen kann, lernt das Muster nicht nebenbei. Dann entsteht schnell dieser stille Glaubenssatz:
„Über Gefühle redet man nicht – man denkt sie sich.“,
„Gefühle sind was für Mädchen“
Oder,
„Ich muß meine Probleme selber lösen.“
Das ist kein Naturgesetz. Das ist Lernen. Und alles, was gelernt wurde, kann auch anders gelernt werden.
Und wenn dieses alte Lernen früh startet, wirkt es später in der Partnerschaft wie ein Gesetz: Ein Mann redet nicht – und die Frau steht davor wie vor einer verschlossenen Tür.
Genau diesen Punkt betonen auch neuere Stimmen in Medien und Psychologie: Viele Männer müssen erst wieder Zugang zu ihrer Gefühlswelt bekommen – und dann eine Sprache dafür entwickeln, weil klassische Männlichkeitsbilder das lange eher blockiert haben.
Der Kern ist nicht „Er hat keine Gefühle“ – der Kern ist: Ihm fehlen Wörter
Viele Männer fühlen sehr viel. Nur eben „unter der Motorhaube“.
Nach außen kommt dann häufig das, was gesellschaftlich eher „erlaubt“ ist: Ärger, Rückzug, Ironie, Arbeit, Ablenkung.
Und jetzt wird’s wichtig: Wenn du als Frau dann mit Vorwurf startest („Du redest nie!“), hört er selten Einladung – er hört Bewertung. Das macht ihn nicht offener, sondern vorsichtiger.
Wie ihr wieder ins Gespräch kommt – ohne Theater, ohne Machtkampf
Ein wichtiger Realitätscheck: Der Mann redet nicht, wenn sein Nervensystem auf Alarm steht – dann braucht es erst ein Runterfahren, ein Sammeln und dann Gespräch.
Lass es mich mal so sagen: Nähe entsteht nicht durch Druck. Nähe entsteht durch Sicherheit.
Und ja: Ich kann nachvollziehen, wie aufgebracht du bist, wenn du das Gefühl hast: „Mein Mann redet nicht“. Nur – lauter werden erzeugt selten Nähe. Viele Männer erleben das als Angriff und reagieren dann mit Rückzug oder mit einem verbalen Konter. Genau da rutscht ihr in den Teufelskreis, den ihr eigentlich vermeiden wollt.
Ein paar Dinge, die in der Praxis bei Paaren fast immer den Unterschied machen:
Erstens: Gebt dem Ankommen einen Raum.
Viele Männer brauchen nach Job/Stress erst einen „Landekorridor“, bevor sie emotional verfügbar sind. Nicht als Flucht – sondern als Umschalten. Zehn Minuten. Handy weg. Atmen. Duschen. Kurz landen. Danach ist Gespräch überhaupt erst möglich.
Zweitens: Sprecht in kleinen Dosen – dafür regelmäßig.
Nicht der große „Wir müssen reden“-Block, wenn beide leer sind. Sondern ein kurzes Ritual: „Jeden zweiten Abend 12 Minuten – ohne Lösungen, ohne Diskussion. Nur: Wie geht’s dir gerade wirklich?“
Drittens: Tauscht Vorwurf gegen Richtung.
Vorwurf klingt wie: „Du bist falsch.“
Richtung klingt wie: „Ich wünsche mir … und ich will dich dabei nicht verlieren.“
Das ist nicht weichgespült. Das ist effektiv.

Ein Wort an dich als Mann: Keine Ausreden – aber auch kein Urteil
Wenn du dich wiedererkennst: Nimm das nicht als Freifahrtschein.
Nimm es als Auftrag.
Du musst nicht plötzlich poetisch über Gefühle sprechen. Fang kleiner an:
„Ich bin gerade dicht.“
„Ich brauche zehn Minuten.“
„Ich merke Druck.“
Das ist schon mehr Beziehungskompetenz als 90% der Paare im Alltag leben.
Ein Wort an dich als Frau: Druck macht stumm – Führung macht auf
Wenn du willst, dass er spricht, musst du die Tür bauen, durch die er gehen kann.
Nicht mit Zuckerwatte. Sondern mit Klarheit.
Sag, was du brauchst. Sag auch, was du nicht mehr willst.
Und dann: Gib Zeit, damit er lernen kann, was er nie gelernt hat.
Wenn ihr merkt: Wir drehen uns im Kreis
Manchmal reicht ein gutes Ritual. Manchmal braucht es Struktur von außen, damit die Dynamik nicht jedes Mal gewinnt.
Wenn du spürst: „Wir sind kein hoffnungsloser Fall – wir sind nur festgefahren“, dann melde dich. Wir sortieren, was bei euch genau passiert, und entwickeln eine klare, alltagstaugliche Gesprächs-Architektur, die euch wieder verbindet – ohne euch zu verbiegen.
Du erreichst mich auch per Telefon: 0211.5982 0741
Oder über mein Kontaktformular
FAQ – häufige Fragen zum Thema
Im Alltag nicht zwingend. Studien fanden im Schnitt ähnliche Wortmengen – der Unterschied liegt eher in welcheThemen leichter angesprochen werden.
Oft ist es Überforderung, fehlende Übung oder die Angst, etwas „falsch“ zu machen. Klassische Männlichkeitsbilder können das zusätzlich verstärken.
a. Nicht über Nacht – aber durch Wiederholung, Sicherheit und kleine Schritte, die im Alltag funktionieren. Und oft geht es deutlich schneller, wenn ihr euch dabei professionelle Unterstützung holt: weil ihr dann nicht mehr im gleichen Gesprächsmuster hängen bleibt, sondern eine klare Struktur bekommt, an der ihr euch beide festhalten könnt.
„Wir müssen reden“ als Großprojekt – und dann abends um 22:30 Uhr, wenn beide leer sind. Oder genau dann, wenn einer innerlich völlig aufgedreht ist – Puls hoch, Kopf voll, Nervensystem auf Alarm. In dem Zustand entstehen keine tiefen Gespräche, sondern nur Missverständnisse. Das ist wie ein Beziehungs-Meeting im Tiefschlaf – oder mitten im Feueralarm.
erstellt unter dem Titel „der schweigsame mann“:
überarbeitet und neu betitelt:





